Kathleen’s Substack

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Mai

was schon da ist

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Kathleen Schwabe
Mai 03, 2026
∙ Bezahlt

Heute Morgen im Wald war alles grün. Zwanzig verschiedene Töne gleichzeitig, helles, durchscheinendes Buchengrün neben dem dunklen Nadelton der Fichten, dazwischen das fast gelbliche Leuchten frischer Birkenblätter, Blüten am Wegesrand, die gestern noch geschlossen waren, Vogelgesang, überall.

Ich bin stehengeblieben und habe mich gefragt, warum Fülle in der Natur so selbstverständlich aussieht und innen so selten so ankommt. Und da war sie, die Frage, die der Mai an den Körper stellt, lange bevor der Verstand sie formuliert: Darf das auch für mich gelten?

Der Mai ist der Monat, in dem die Natur aufhört zu fragen. Alles wächst gleichzeitig, dicht, üppig, ohne Plan, ohne Erlaubnis, ohne Rücksicht auf das, was vorher war. Blüten öffnen sich, weil die Zeit gekommen ist, Gräser schieben sich durch Ritzen im Asphalt, weil der Impuls stärker ist als der Widerstand. Wer im Mai nach draußen geht, begegnet einer Welt, die sich zeigt, die Raum füllt, ohne ihn zu beanspruchen, die einfach wächst, weil Wachstum das ist, was lebendige Systeme tun, wenn die Bedingungen stimmen.

Und viele Menschen sehen die Fülle & spüren gleichzeitig, wie schwer es ihnen fällt, sich selbst Fülle zu erlauben. Sie bewundern das Blühende & hören gleichzeitig in sich ein Aber.

Fülle ist kein Verdienst

Der Körper kennt Fülle als Zustand, lange bevor der Verstand ein Konzept daraus macht. Es geht um Genährt-Sein, Versorgt-Sein, das Gefühl, dass genug Energie da ist, dass Reserven vorhanden sind, dass etwas frei fließen darf.

Wenn dieser Zustand fehlt, liegt das selten an äußeren Umständen, denn die Kühlschränke sind voll, die Tage sind hell, die Möglichkeiten theoretisch da. Und trotzdem bleibt ein Gefühl von Knappheit, von Nicht-genug, von einem inneren Zurückhalten, das sich manchmal als Disziplin tarnt & manchmal als Bescheidenheit & manchmal als die leise Überzeugung, dass Fülle etwas ist, das man sich erst verdienen muss.

Diese Überzeugung sitzt tiefer. Sie sitzt im Stoffwechsel, in der Art, wie der Körper mit Energie umgeht, wie er Reserven verwaltet, ob er bereit ist, Ressourcen freizugeben oder ob er spart, obwohl genug da wäre.

Ein Organismus, der über längere Zeit Stress, Mangel oder Überforderung erlebt hat, lernt, vorsorglich zurückzuhalten. Er fährt den Stoffwechsel etwas herunter, dämpft die Schilddrüsenaktivität, verschiebt Energie weg von Wachstum, Regeneration & Fortpflanzung hin zu Erhalt & Absicherung. Das System hat gelernt, dass Vorsicht klug ist, dass Fülle unzuverlässig war, dass es besser ist, wenig zu brauchen als viel zu verlieren. Und solange diese Erinnerung das bestimmende Signal bleibt, kann draußen alles blühen & das innere System bleibt im Sparmodus, weil es noch keinen Grund gefunden hat, sich anders zu entscheiden.

Selbstwert als körperlicher Zustand

Wir sprechen über Selbstwert meistens, als wäre er ein Gedanke. Etwas, das man sich sagen kann, etwas, das man aufbauen kann durch Affirmationen, Übungen, die richtige Haltung. Und manchmal hilft das auch, aber häufiger hilft es nicht, weil der Körper längst eine eigene Antwort auf die Frage Bin ich genug? gefunden hat & diese Antwort sitzt woanders. Sie sitzt im Tonus der Muskulatur, in der Weite oder Enge des Atems, in der Haltung des Brustkorbs, in der Art, wie jemand einen Raum betritt oder sich an einen Tisch setzt. Sie zeigt sich darin, ob der Körper sich ausdehnt oder zusammenzieht, ob er Raum einnimmt oder sich klein macht, ob er aufrecht steht, weil sich das natürlich anfühlt, oder weil er sich dazu zwingt.

Selbstwert ist, bevor er ein Gedanke wird, eine Zuständigkeit des Nervensystems. Der Körper bewertet ständig, ob die Umgebung sicher genug ist, um sich zu zeigen, ob genug Energie vorhanden ist, um Präsenz zu halten, ob Früheres signalisiert, dass Sichtbarkeit geschehen darf oder dass sie gefährlich ist. Wenn ein Nervensystem gelernt hat, dass Zurückhaltung sicherer ist als Ausdruck, dann hilft kein positiver Gedanke gegen die körperliche Kontraktion, die entsteht, wenn es darum geht, gesehen zu werden, Raum einzunehmen, etwas zu fordern oder einfach nur da zu sein, ohne sich nützlich zu machen.

Selbstwert beginnt damit, sich sicher genug zu fühlen, um überhaupt spüren zu können, was da ist.

Wachstum, das seinen eigenen Rhythmus hat

Der Mai zeigt etwas, das viele Wachstumsnarrative übersehen. Wachstum ist ein Ergebnis von Bedingungen, lange bevor es ein Ergebnis von Anstrengung wird. Der Samen wächst, weil Licht, Wasser, Temperatur & Boden zusammenkommen. Fehlt eines davon, wartet er, manchmal jahrelang. Er spürt, dass die Zeit noch fehlt & bewahrt seine Kraft, bis sie kommt.

Auch der menschliche Organismus folgt dieser Logik. Wachstum im biologischen Sinn, d.h. Zellerneuerung, Gewebeaufbau, hormonelle Reifung, neuronale Plastizität, geschieht unter Bedingungen von Sicherheit, Versorgung & ausreichender Ruhe. Wachstumshormone werden nachts ausgeschüttet, in der Tiefschlafphase. Knochensubstanz bildet sich in der Erholungsphase nach Belastung. Neue neuronale Verbindungen konsolidieren sich im Schlaf & in Momenten der Stille.

Was wir kulturell als Wachstum feiern, also mehr leisten, schneller werden, effizienter funktionieren, ist biologisch betrachtet oft Kompensation. Der Körper gibt mehr aus, als er hat, überzieht sein Konto, mobilisiert Reserven, die eigentlich für Regeneration gedacht waren.

Echtes Wachstum fühlt sich oft gar nicht spektakulär an. Es fühlt sich an wie etwas, das sich von selbst ordnet, wie eine leise Zunahme an Belastbarkeit, an innerer Weite, an der Fähigkeit, mehr Welt auszuhalten, ohne sich davon erschöpfen zu lassen. Es zeigt sich in besserer Verdauung, in stabilerem Schlaf, in einer Stimmung, die weniger schwankt, in einem Körper, der sich getragen fühlt statt getrieben.

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung des Monats Mai. Zu bemerken, wo etwas bereits wächst, wo der Körper still & unbemerkt begonnen hat, sich zu reorganisieren, wo eine Belastbarkeit entstanden ist, die aus Regulation kommt, aus Wiederholung, aus Vertrauen.

Kann ich empfangen, was schon da ist?

Das ist eine echte körperliche Frage, keine Technik der Dankbarkeit. Kann mein System sich öffnen für das, was vorhanden ist? Kann ich essen, ohne es mir abzuverdienen? Kann ich ruhen, ohne es zu rechtfertigen? Kann ich sein, ohne erst genug getan zu haben?

Für viele Menschen ist genau das der schwierigste Schritt. Das Annehmen dessen, was bereits da ist. Das Zulassen von Genug.

Und vielleicht ist der Mai deshalb ein Monat des Empfangens. Ein Monat, in dem der Körper eingeladen ist, sich zu öffnen für das, was die letzten Monate vorbereitet haben. Für die Stille, die im Januar da war, für die Bewegung, die im März entstanden ist, für die Richtung, die im April Form angenommen hat.

Alles ist schon da. Die Frage ist nur, ob wir es zulassen.

Was jetzt draußen wächst

Die Ernährung im Mai darf das widerspiegeln, was draußen geschieht. Frische, Farbe, Lebendigkeit als natürliche Hinwendung zu dem, was jetzt verfügbar ist & was der Körper jetzt braucht.

Im Mai stehen Kräuter & Wildpflanzen überall bereit, am Wegesrand, auf Wiesen, an Waldrändern. Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Spitzwegerich, Schafgarbe, wilde Minze. Sie wachsen, ohne dass jemand sie sät, sie sind da, bevor wir sie suchen.

Was diese Pflanzen auszeichnet, ist ihre Nährstoffdichte. Brennnessel enthält mehr Eisen als Spinat, dazu Silizium, Kalzium & sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungsmodulierend wirken. Löwenzahn unterstützt die Leber & regt die Verdauungssäfte an. Giersch, von den meisten als Unkraut bekämpft, liefert Vitamin C, Kalium & Flavonoide in einer Konzentration, die kultiviertes Gemüse selten erreicht.

Wildpflanzen tragen eine andere Kraft als Zuchtgemüse. Ihre Bitterstoffe sind erhalten, ihre Zellstruktur ist dicht, ihre Wirkung auf das Verdauungssystem ist direkter. Sie sprechen eine Sprache, die der Körper seit Jahrtausenden kennt und die in der modernen Ernährung fast verschwunden ist.

Eine Handvoll frische Kräuter über dem Essen, ein Tee aus Brennnessel & Schafgarbe am Morgen, ein paar Blätter Giersch im Salat.

Meditation: Dein innerer Garten der Heilung

Was draußen wächst, wächst auch in dir.

Im freien Teil dieses Artikels ging es um die Frage, ob wir empfangen können, was schon da ist. Ob der Körper sich öffnen darf für Fülle, für Wachstum, für das Gefühl, genug zu sein, ohne es erst verdienen zu müssen. Die Meditation führt dich in genau diesen Raum. Über Spüren, über den Körper, über Atem.

Sie beginnt mit einer sanften Ankunft im Körper, über Berührung, Atem & die Verbindung zur Erde. Von dort führt sie dich über das Herz in einen inneren Garten, einen Ort, der für dich gemacht ist & in dem alles bereits wächst, was du brauchst.

Dieser Garten ist eine Einladung, die innere Landschaft wahrzunehmen, die der Körper trägt, wenn er sich sicher genug fühlt, sie zu zeigen. Die Pflanzen, denen du dort begegnest, stehen für Qualitäten, die bereits in dir angelegt sind, für Stabilität, Flexibilität, Lebensfreude, Heilkraft. Sie müssen nur bemerkt werden.

Genau das ist die Verbindung zum Mai. Draußen wie drinnen wachsen Dinge, die ihren eigenen Rhythmus haben. Die Eiche fragt nicht, ob sie stark genug ist, die Sonnenblume fragt nicht, ob sie leuchten darf & die Heilkräuter am Wegesrand wachsen ganz von selbst.

Was in dir wächst, wächst, weil du es zulässt.

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